Sonderthema | 01.11.2011

B4B MITTELSTAND: Mit Köpfchen nach Köpfen suchen
Deutschland gehen die Fachkräfte aus. Ist die Innovationsmaschine Mittelstand bedroht?
Wie sich die Zeiten ändern: Noch vor wenigen Jahren beherrschte das Thema „Arbeitsplatzmangel“ die Debatten um das wirtschaftliche Wohl und Weh der Deutschen. Heute weht der Wind aus der Gegenrichtung: Die öffentlichen Sorgenmienen gelten dem Arbeitskräftemangel. Dass viele Betriebe Probleme haben, qualifizierte Fachkräfte zu finden, ist schwer zu leugnen. Eine unrepräsentative Nachfrage bei sechs süddeutschen mittelständischen Unternehmen der Branchen Nahrungsmittelindustrie, Maschinenbau und IT ergab, dass man dort das Problem nicht nur vom Hörensagen kennt. Besonders drastisch formulierte es der Geschäftsführer einer Softwarefirma aus dem Großraum Ulm: „Wir suchen Softwareentwickler mit guter sozialer Kompetenz. Wir kriegen zu wenig, und was wir kriegen, taugt zu wenig.“
Hoher Umsatzausfall durch Personalmangel
Engpässe bei der Personalrekrutierung lassen sich nicht nur durch diese anekdotischen Aussagen, sondern auch durch eine Flut von Studien dokumentieren. Ein Beispiel ist das Ergebnis der Arbeitgeberbefragung „Recruiting Trends im Mittelstand 2011“ von Monster Worldwide und dem Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universitäten Frankfurt am Main und Bamberg. „Der Fachkräftemangel im deutschen Mittelstand verschärft sich massiv: 50 Prozent der Mittelständler finden es derzeit schwerer als in der Vergangenheit, qualifizierte Mitarbeiter zu finden“, heißt es dort. Besonders gefragt seien Fach- und Führungskräfte in Forschung und Entwicklung, IT sowie in Verkauf und Vertrieb. Inzwischen belastet die Arbeitsmarktsituation bereits die Finanzen der Unternehmen. So schätzt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), dass der Fachkräftemangel den deutschen Mittelstand schon jetzt drei Milliarden Euro im Jahr kostet. Experten von Ernst & Young gehen sogar von 33 Milliarden Euro Umsatzverlust aus.
Problem erkannt, Problem (nicht) gelöst
Wie auch immer der schiere Umfang des Problems eingeschätzt wird, es löst sich nicht von allein. Was also ist zu tun? Was die politische Arena angeht, so liegen die Schlüssel nach Ansicht der Fachleute auf folgenden drei Gebieten: • einem praxisbezogeneren Bildungssystem, das wieder mehr Begeisterung für naturwissenschaftlich- technische Berufe fördert • einer Förderung der Einbeziehung von Frauen und älteren Arbeitnehmern in das Fachkräftereservoir • einer stärkeren Förderung der Zuwanderung und Integration ausländischer Fachkräfte
Personalstrategien für den Mittelstand
Welche Möglichkeiten haben aber die Unternehmen selbst, um ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern, insbesondere der „High Performer“ und Leistungsträger, auch künftig zu decken? Hier ist nur so viel sicher: Mittelständische Betriebe müssen aktiv werden und von selbst auf gesuchte Kandidaten zugehen. Besonders in der stark unter dem Mangel an Fachkräften leidenden IT-Branche haben einige mittelständische Unternehmen inzwischen viel Erfahrung mit einem aktiven Personalmanagement.
Social Media als Zugewinn für Unternehmen
Dr. Harriet Kleiminger, Bereichsleiterin Human Resources bei der Info AG, einem ITDienstleister mit zahlreichen Mittelstandskunden, fasst ihre Erkenntnisse so zusammen: „Grundsätzlich sind es die klassischen Themenfelder Personalmarketing, Ausbildung und Entwicklung sowie Mitarbeiterbindung (Retention- Management), die eine deutlich höhere Aufmerksamkeit erfordern, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Im Bereich Personalmarketing ist es beispielsweise unabdingbar, eine klare Arbeitgebermarke zu entwickeln. Für die Bewerber muss ersichtlich sein, wofür der Arbeitgeber steht und was das Unternehmen von anderen unterscheidet. Das ist die grundlegende Basis für das gesamte Personalmarketing und ein zu definierendes Zielgruppenkonzept. Darüber hinaus stehen natürlich die neuen Rekrutierungswege, insbesondere Social Media, im Fokus. Dies ist meines Erachtens ein absoluter Zugewinn gerade für kleinere und mittlere Unternehmen. Ein Facebook-Auftritt ist auch für diese Unternehmen leistbar. Gleiches gilt für Netzwerke wie Xing, in denen Unternehmen sich deutlich als Arbeitgeber positionieren können – bei kleinem Budget.“
Neue Kanäle bei der Personalsuche nutzen
Hier bescheinigen Experten dem Mittelstand noch einigen Nachholbedarf. „Viele Unternehmen nutzen in der Personalbeschaffung noch nicht die vielfältigen Möglichkeiten, die ihnen das Internet eröffnet“, sagt Elke Guhl, Vice President Marketing Central Europe bei der Jobbörse Monster. Und Prof. Dr. Tim Weitzel vom Lehrstuhl für Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen der Universität Bamberg betont: „Heute bieten neue Kanäle wie Social Media spannende Chancen für die Rekrutierung im Mittelstand.“ Ein weiteres wichtiges Instrument zur Deckung des Fachkräftebedarfs ist die Personalentwicklung, also die Fortbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter durch Coachings und Seminare im Betrieb selbst. Das gilt nicht nur für Neuzugänge, sondern auch für ältere Mitarbeiter, deren Know-how immer wertvoller wird. Ein Pool von gut qualifizierten Angestellten macht ein Unternehmen zudem für anspruchsvolle Stellensuchende attraktiv.
Neues Personal gewinnen und bestehendes halten
Neues Personal gewinnen und bestehendes halten – darin wird die Kunst der ausreichenden Versorgung mit Fachkräften in den nächsten Jahren bestehen. Und hier kommt zu allen genannten Anstrengungen der vielleicht wichtigste Faktor hinzu: die Schaffung eines attraktiven Betriebsklimas. Eine mitarbeiterfreundliche Unternehmenskultur und attraktive Aufstiegsperspektiven tragen entscheidend zur Mitarbeiterzufriedenheit bei und verhindern den Fachkräfte-GAU: eine hohe Fluktuationsrate. Die nämlich kann sich in Zeiten fehlender Fachkräfte nun wirklich niemand leisten!
Fazit
Experten Meinungen
Rainer Brüderle, Ex-Wirtschaftsminister und FDP-Fraktionsvorsitzender: „Der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren zum Schlüsselproblem für den deutschen Arbeitsmarkt.“
Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit: „Was die Erwerbsbeteiligung Älterer und von Frauen anbelangt, hinkt Deutschland trotz Fortschritten im internationalen Vergleich hinterher.“
Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales: „Wenn wir uns nicht in die richtige Richtung bewegen, geht uns nicht die Arbeit aus, sondern die Arbeitskraft.“

B4B MITTELSTAND bedient den aktuellen Informationsbedarf des Mittelstands. Die Beiträge vermitteln einen Überblick über das jeweilige Thema und zeigen dessen praktischen Nutzen auf.

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