Mobilität | 02.11.2009
Umweltfreundliches Verhalten von Unternehmen ist en vogue. Doch viele Firmenchefs haben die Chancen, die darin liegen, noch nicht begriffen.
Angst vor dem Klimawandel haben fast alle Unternehmen. Doch die Angst besteht weniger darin, dass die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel ansteigt oder ganze Landstriche versteppen. Die Firmenchefs haben Angst, dass sich gesetzliche und regulatorische Änderungen negativ auf ihre Geschäftsentwicklung auswirken können. Dies ist dem neuen Deutschland-Report 2009 zu entnehmen, den das Carbon Disclosure Project (CDP) veröffentlicht hat.
Mehr Last als Lust
Umweltschutz ist für viele Firmen heute mehr lästige Pflicht oder notwendiges Übel als echte Überzeugung. So setzen sich die deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich mit durchschnittlich 2,8 Prozent jährlichen Emissionsreduktionen zwar überdurchschnittlich hohe Ziele. In der Praxis aber sind die Emissionen nach den Zahlen des Klimareports im Jahr 2008 um drei Prozent gestiegen. Maßnahmen zur Rettung der Natur mit der bloßen Furcht vor dem Gesetzgeber zu begründen zeigt, dass viele Firmen die Chancen, die in einem nachhaltigen Verhalten liegen, noch nicht begriffen haben. Zum Beispiel in der Logistik.
Viele Unternehmen sehen darin nach wie vor einen kostenaufwendigen Luxus. Das Gegenteil sei richtig, meint Detlef Spee, Abteilungsleiter für Materialfluss und -projektierung des Fraunhofer IML in Dortmund. „Mit Green Logistics Ansätzen lässt sich der Energieverbrauch um bis zu 35 Prozent senken.“ Das IML rechnet vor: In einem innerbetrieblichen Logistiksystem würden etwa 40 Prozent der Gesamtkosten für die Energie aufgebracht.
Für diese zahle die Branche durchschnittlich 1,3 Millionen Euro im Jahr. Geld, das gerade in Krisenzeiten an anderen Stellen benötigt wird. „Dabei muss der Weg hin zu einer umweltschonenden Logistik nicht immer mit teueren Investitionen verbunden sein“, unterstreicht Spee. Der Einsatz von Gabelstaplern mit Brennstoffzellen, Solarmodule auf dem Dach der Produktions- oder Lagerhalle oder die Anschaffung emissionsarmer Lkw lassen sich zwar gegenüber den Kunden öffentlichkeitswirksam darstellen, sind aber vor allem für kleinere Firmen mit erheblichem Geldaufwand verbunden.
Schon kleine Maßnahmen sparen Geld
Häufi g reichen schon einfache Maßnahmen aus, um einen Großteil der Kosten einzusparen. So lassen sich durch den Einbau von schnell schließenden Rolltoren in Lägern erhebliche Einsparungen im Bereich der Heiz- beziehungsweise Kühlkosten erreichen. Auch durch die Optimierung des innerbetrieblichen Warentransports können die Durchlaufzeit verringert und damit Kosten eingespart werden.
Die Liste kann beliebig erweitert werden: optimale Tourenplanungen reduzieren die Zahl der Fahrten und lasten Lkw besser aus, Video-Konferenzen statt Flugreisen sparen Geld und CO2, Öko-Fahrtrainings für die Fahrer reduzieren den Kraftstoffverbrauch und damit den Schadstoffausstoß. Auch beim Verpacken lassen sich Ressourcen und Kosten sparen. Bis vor Kurzem verkaufte der Möbelriese Ikea seine beliebten Teelichter noch in einem großen Plastikbeutel. Bis in Schweden jemand nachrechnete. Seitdem stehen die Teelichter sauber aufgereiht und gestapelt in Pappkartons. Nur aufgrund der neuen Anordnung kann das Möbelhaus 30 Prozent mehr Minikerzen pro Ladungseinheit transportieren. Die Investitionen rechnen sich über den Einsatz weniger Lkw und durch mehr Platz in den Lagerhäusern für andere Waren.
Transporteure haben keine „grünen“ Produkte
Trotzdem scheinen solche Überlegungen in der Transportwirtschaft noch keine große Rolle zu spielen. Dabei verursacht der Transport von Gütern und Waren fast ein Fünftel der weltweiten Emissionen, die das Klima schädigen. Doch nur ein Drittel der Logistikunternehmen bieten „grüne“ Leistungen an, bei denen die anfallenden
CO2-Emissionen durch Klimaschutzinvestitionen ausgeglichen werden, prangert die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) an. „Viele Spediteure haben die Bedeutung grüner Logistikprodukte im Wettbewerb noch nicht realisiert. Dabei legen immer mehr Kunden Wert auf möglichst niedrige CO2-Emissionen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. In absehbarer Zeit werden Anbieter, die keine Angaben zur Klimabilanz ihrer Transporte machen können, deutliche Wettbewerbsnachteile haben“, prophezeit PwC-Logistikexperte Klaus-Dieter Ruske. Gerade kleineren Transportunternehmen und Speditionen rät PwC, dass sie sich mit ihrer Klimabilanz und klimafreundlichen Dienstleistungen befassen. Damit würden sie sich als Auftragnehmer für Firmen attraktiv machen, die ihre Emissionsbilanz gegenüber Kunden ausweisen müssen.
Aufwand rechnet sich nicht immer
Der Aufwand, die CO2-Bilanz im eigenen Unternehmen oder gar in der Logistikkette zu ermitteln, ist enorm und eine lukrative Spielwiese für Beratungsunternehmen. Für mittelständische Firmen stellt es eine schier unüberwindbare Hürde da. Doch nur wer weiß, wie viel Sprit sein Fuhrpark verbraucht oder wie viel Energie über schlecht gedämmte Hallendächer entweicht, kann gegensteuern. Der Umfang der Einsparungen darf allerdings nicht überbewertet werden. Auch wenn die Zahlen, die viele Firmen an die Öffentlichkeit blasen, enorm scheinen. Umweltschutz besteht meist nur auf dem Papier. So investiert das Computerunternehmen IBM jährlich eine Milliarde USDollar in das Projekt „Big Green“, um neue „grüne“ Technologien und Services für Energieeinsparungen zu entwickeln. In den letzten 20 Jahren ist der Stromverbrauch im Unternehmen um 4,6 Milliarden Kilowattstunden gesunken. Laut IBM entspricht das Kosteneinsparungen von 100 Millionen US-Dollar durch Energiesparen seit 1998. Der Jahresumsatz von IBM betrug allein im Jahr 2008 stolze 103,6 Milliarden USDollar. Immerhin wurden mehr als drei Millionen Tonnen an CO2-Emissionen vermieden. Das Weltunternehmen sparte damit in 20 Jahren so viel CO2, wie die Einwohner Mannheims in einem Jahr in die Luft pusten.
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Links zum Thema: Carbon Disclosure Project
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