B4B MITTELSTAND Roundtable Cloud Computing

Klare Sicht auf die Wolke

IT | 01.11.2011

B4B MITTELSTAND: Roundtable "Cloud Computing"
B4B MITTELSTAND Roundtable "Cloud Computing"

Der B4B MITTELSTAND-Roundtable „Cloud Computing“ brachte teils überraschende Einsichten in einen IT-Dauerbrenner.

Wird Cloud Computing im Mittelstand akzeptiert? Bringt das Konzept automatisch Kosteneinsparungen? Ist es sicher? Wann bringt es Vorteile? Die Aussicht, solche Fragen mit Anwendern und Experten zu diskutieren, machte den 7. B4B MITTELSTAND-Roundtable zu einer attraktiven Veranstaltung für Cloud-Anbieter, IT-Berater, Anwender und interessierte Mittelständler. Der vierstündige Wissens- und Meinungsaustausch beschäftigte sich mit all den Problemkomplexen des Themas, die heute im Mittelstand diskutiert werden.

Überraschende Definitionsprobleme

Zu Beginn der Veranstaltung entspann sich eine Kontroverse darüber, was denn nun Cloud Computing wirklich ist – etwas überraschend für einen externen Beobachter, der gedacht hatte, dies sei nun eigentlich längst geklärt. Die Abgrenzung der schier unübersehbaren Anzahl von angebotenen IT-Services trübt häufig den Blick: Software as a Service (SaaS), Infrastructure as a Service (IaaS), Communication as a Service (CaaS) usw. werden oft als Teilsegmente des Cloud Computing gehandelt. Dies ist nicht falsch, aber nicht die ganze Wahrheit. Andreas Lannes, Partner bei Ernst&Young und Leiter IT Advisory für den Finanzsektor, sorgte hier für Klarheit, indem er den „Übermittlungsweg“ der Services als Ausschlusskriterium anführte: „Beim Cloud Computing sollte man sich immer bewusst sein, dass das Übertragungsmedium das Internet ist. Das ist ein Unterschied zum Outsourcing über klassische, dedizierte Leitungen - denn das Internet ist a priori offen. Cloud Computing verlangt also besondere Sicherheitsmaßnahmen.“

Um die Quintessenz des Konzepts Cloud Computing auf den Punkt zu bringen, fasste Michael Blauen, Director Sales beim Cloud-Anbieter Pironet, die Bedeutung dieser Dienstleistungen zusammen: „Wer bisher Hardware und Software im eigenen Haus nutzt, etwa ERP-Software oder CRM-Systeme, der kann sich überlegen, ob er weiterhin die entsprechenden Investitionen in Systeme, Lizenzen und IT-Personal tätigen oder sich lieber ausschließlich mit seinem Kerngeschäft befassen und die IT – oder zumindest Teile davon – von externen Dienstleistern im Mietverfahren beziehen will. Wenn er sich für Letzteres entscheidet und die entsprechende Leistung über das Internet erhält, nutzt er Cloud Computing.“

Wozu Cloud, wenn es Herrn Schneider gibt?

Georg-W. Moeller, Betreiber des Hotels DOMICIL im bayerischen Puchheim und nach eigenem Bekunden „kompletter Cloud-Laie“ wollte es als Anwalt des typischen Kleinunternehmers genau wissen: „Wie kann ich mit meinem kleinen Betrieb denn von Cloud Computing profitieren? Momentan benutze ich die übliche Hard- und Softwareausstattung: PCs, Buchhaltungs- und Buchungssoftware, Office, E-Mail und Internet – dabei sorgt ein externer IT-Spezialist, Herr Schneider, dafür, dass meine Systeme stets verfügbar sind. Kann ich irgendetwas gewinnen, wenn ich die Wolke nutze?“

Diese entscheidende Frage stand im Focus der weiteren Diskussion. Zunächst nahm Moeller überrascht zur Kenntnis, dass er bereits Cloud-Anwender ist: Da er sein E-Mail-System über einen Internet-Provider betreibt, auf dessen Servern er auch Mails archiviert, ist er ein typischer Public-Cloud-Kunde – also ein Nutzer, der eine spezielle Softwareanwendung aus dem Rechenzentrum des Anbieters über das Internet bezieht.

Welche Vorteile könnte Moeller durch einen erweiterten Einsatz des Cloud-Modells gewinnen? Die anwesenden Fachleute analysierten diese Frage, indem sie die möglichen Nutzungskonzepte, Einsatzmöglichkeiten und innerbetrieblichen Ausgangssituationen diskutierten.

Marcus Vogel, Vorstand des IT-Dienstleisters bluvo AG, legte seine Sicht einer angemessenen Vorgehensweise eines Unternehmers bei der Frage Cloud oder nicht Cloud so dar: „Es empfiehlt sich eine grundlegende Analyse des Ist-Zustands der Geschäftsfelder und der IT, verbunden mit der Frage: Wo will ich in den nächsten Jahren hin? Wenn dabei klar wird, dass die bestehende Infrastruktur kostengünstig und flexibel genug ist, muss die Cloud nicht unbedingt sein. Wenn allerdings eh eine Modernisierung der Infrastruktur geplant ist oder angedacht wird, neue Geschäftsmodelle auszuprobieren oder neue Softwareanwendungen zu nutzen, beispielsweise ein CRM-System einzuführen, so sollte man eine Cloud-Lösung mit in die Überlegungen einbeziehen. Sie ermöglicht es etwa, das CRM-System im Mietverfahren relativ einfach und risikoarm zu testen und bei mangelndem Erfolg wieder zu streichen, während eine Einführung im Lizenzverfahren sehr aufwändig sein kann und Investitionskapital bindet.“

Insbesondere dann, wenn vom IT-Berater des Unternehmens größere Veränderungen als nötig erachtet werden, ist ein Blick auf die Cloud angebracht, erläuterte Markus Solibieda, Vorstand der IT Competence Group: „Wenn der IT-Experte kommt und anmerkt, dass „etwas passieren“ muss, sei es, dass ein neuer Server notwendig wird, eine neue Software wie CRM oder ERP eingeführt werden sollte oder die Backup- und Archivierungssysteme an ihre Grenzen stoßen, dann bietet es sich an, Cloud-Angebote als Alternative zum Kauf zu prüfen.“

In jedem Fall empfiehlt sich nicht ein einsamer Alleingang, wie Ulrich Baur, Head of Tender Office Cloud, Germany, von Fujitsu Technology Solutions, hervorhob: „Dazu braucht man in aller Regel Beratung. Das Umsteigen von einer bestehenden Infrastruktur in die Cloud erfordert sorgfältige Planung und Sachverstand in Sachen IT. Dabei sollte durchaus nicht ausschließlich der Faktor Kostensenkung im Mittelpunkt stehen, sondern auch die zusätzlichen Möglichkeiten, die Cloud Services bieten, z.B. Collaboration, in die Entscheidung mit einfließen. Das Für und Wider sollte vielmehr als strategische Entscheidung im Rahmen einer optimalen Unterstützung der Geschäftsprozesse behandelt werden.“

Dass nicht jede Anwendung in die Cloud wandern wird, unterstrich Andreas Stein, Managing Director Dell Services: „Nur standardisierbare Lösungen werden mit Gewinn in die Cloud wandern. Hoch individualisierte Anwendungen wie etwa die Produktionssteuerung großer Automobilkonzerne eignen sich nicht für die Wolke. Dabei gibt es aber eine ständige Entwicklung hin zur Standardisierung. Als etwa Salesforce.com vor rund zehn Jahren seine Cloud-CRM-Lösung startete, war dies sehr umstritten. Heute ist CRM aus der Cloud schon selbstverständlich, auch im Mittelstand. Ähnliches ist für ERP zu erwarten.“

Akzeptanz mit Einschränkungen

Dass die Cloud auch bei kleinen Unternehmen zunehmend attraktiver wird, führt Dietmar Meding, Vice President SAP Business ByDesign, darauf zurück, dass die Vorteile sich herumsprechen: „Die Möglichkeiten der Cloud, sich vollkommen auf das eigene Kerngeschäft zu konzentrieren, da weder eigene Software, noch eigene IT Spezialisten notwendig sind, wird für viele Unternehmen immer attraktiver. Hinzu kommt die höhere Flexibilität von Cloud-Konzepten, beispielsweise bei einer Aufstockung des Personals, die manchmal vorübergehend sein kann. Kunden können durch die hohe Skalierbarkeit ihre IT-Lösung schnell und effizient an individuelle und veränderte Anforderungen anpassen.“

Dass Nutzen und Akzeptanz der Cloud im Mittelstand nicht gleich verteilt sind, betonte Stefan Schimpfle, Geschäftsführer des aiti-Park IT-Gründerzentrums in Augsburg. „Nicht alle Branchen oder Geschäftsfelder profitieren im selben Ausmaß von der Wolke. Besonders attraktiv ist sie aber beispielsweise für kreative Start-ups, die mit einer Internet-basierten Umgebung ihre Entwicklungsprojekte schneller und mit wesentlich geringeren Vorabinvestitionen durchführen können.“

Eine Bremse für die uneingeschränkte Zustimmung des Mittelstands zur Cloud liegt klarerweise beim Thema Sicherheit. Verständnis für die Bedenken der kleinen Unternehmen zeigte Andreas Lannes von Ernst & Young: „Nach unserer Erfahrung werden die möglichen Risiken beim Thema Angriffe gegen Unternehmen, aber auch beim Datenschutz eher noch unterschätzt.“ Diese Gefahr sei zwar realistisch, aber beherrschbar, entgegnete Thomas Kuczek, Solutions Engineer Google Enterprise EMEA & Nordics vom Cloud-Riesen Google. „Die Antwort auf diese Bedrohung ist konsequente Verschlüsselung. Wir verschlüsseln automatisch, d.h. wer nicht in den Service Level Agreements ausdrücklich Anderes vereinbart, bekommt seine Daten nur verschlüsselt transferiert. Bei Anbietern, die dies nicht automatisch so handhaben, empfehle ich dringend, die Verschlüsselung in die SLAs aufzunehmen.“

Ein im Mittelstand sehr ernst genommenes Cloud-Sicherheitsthema ist auch der Standort des Rechenzentrums des Cloud-Providers, wobei gilt: je näher am eigenen Standort, desto besser. Stefan Bandow, Cloud Channel Leader bei IBM Deutschland, zu den Erfahrungen seines Unternehmens: „Da die Sicherheitsstandards inzwischen weltweit angenähert werden, steigt die Vertrauenswürdigkeit der Rechenzentren. Für Großunternehmen ist es inzwischen nicht mehr so wichtig, wo ihre Daten liegen. Mittelständler kommen allerdings immer noch gerne zu uns nach Ehningen, um sich unser Rechenzentrum anzusehen – für sie ist ein deutscher Standort oft entscheidend. Da spielt sicher auch der Faktor „gefühlte Sicherheit“ eine Rolle: Je näher meine Daten, so scheint es, desto mehr Kontrolle und Sicherheit habe ich.“

Fazit

Fazit der Aussprache: Die Cloud ist kein Wolkenkuckucksheim, sondern eröffnet für viele Mittelständler neue Chancen – wenn sie das Thema mit kühlem Kopf und fachmännischem Rat angehen.

Was ist Cloud Computing?

Cloud Computing im Sinne einer „Public Cloud“ ist die Bereitstellung von IT-Diensten aller Art durch einen Service-Anbieter über das Internet. Wie der Strom aus der Steckdose fließen IT-Ressourcen wie Speicherplatz, Rechnerleistung oder Anwendungssoftware aus dem Rechenzentrum des Anbieters über das Web, bezahlt wird nur, was auch tatsächlich abgerufen wird.

Vorteile: Hohe Flexibilität und Verfügbarkeit, oft geringere laufende Kosten, keine Kapitalbindung und Investitionen, hohe Verfügbarkeit und Sicherheit, Kostentransparenz

Nachteile: Abhängigkeit vom Anbieter, weniger Kontrolle über die Daten

Weitere Cloudmodelle: Private Cloud (Services werden von der internen IT-Abteilung über das Web betrieben); Hybrid-Cloud (Mischform aus Private und Public Cloud)

Wer bietet Cloud?

Zu den Cloud-Anbietern gehören Unternehmen wie Amazon, Deutsche Telekom, Fujitsu, Google, HP, IBM, Microsoft, Salesforce und T-Systems, aber auch eine wachsende Zahl kleinerer Anbieter. Daneben wächst die Zahl kleinerer und regionaler Anbieter ständig. Insgesamt gibt es in Deutschland heute fast 800 Anbieter von Cloud Services.

Was soll in die Cloud?

Die meisten Experten raten Mittelständlern, geschäfts- und wettbewerbskritische Daten nicht in die Cloud zu geben. In die Liste der Cloud-geeigneten Anwendungen fallen dennoch so viele Applikationsbereiche, dass sich die hohen Kostenvorteile des Konzepts ausnutzen lassen: Office-Anwendungen, Systeme zu Messaging und Collaboration oder zur Mobilkommunikation, E-Mail, Business Intelligence, CRM und Content Management. Hinzu kommen Standardprozesse des Personal- und Rechnungswesens wie Spesenabrechung oder Rechnungsstellung.

Vorteile der Cloud

Hard- und Software müssen nicht mehr vorab gekauft werden (keine Kapitalbindung), keine langfristige Bindung an Lizenzgeber, hohe Leistungsflexibilität und Skalierbarkeit, bedarfsgerechte Leistungen, nutzungsorientierte Abrechnung, Verfügbarkeit komplexer IT- und Sicherheitstechnologie, die kleine Unternehmen nicht selbst betreiben könnten 

Nachteile der Cloud

Abhängigkeit von leistungsfähigen Internetverbindungen, Risiken beim Datenschutz, höherer Bedarf an strategischer und verwaltungstechnischer Planung, Gefahr unkontrollierter Nutzung der Services durch unautorisierte Mitarbeiter 

Glossar

Cloud Computing: IT Services aller Art werden bedarfsgerecht und –aktuell in Echtzeit über eine Internetverbindung bezogen und nach tatsächlicher Nutzung abgerechnet.

Private Cloud: Die Services werden von der eigenen IT-Abteilung als Internetdienst zur Verfügung gestellt, die Cloud-Umgebung liegt innerhalb der eigenen IT-Landschaft.

Public Cloud: Die Services werden vom Provider über das Internet bezogen. Abgerechnet wird nach tatsächlicher Nutzung

Hybrid Cloud: Mischform aus Private Cloud (etwa für geschäftskritische Anwendungen) und Public Cloud (für Standardanwendungen)

IT On-Premise: Gegenstück zu Cloud Computing: Hard- und Software sind gekauft/lizenziert und werden in Eigenregie betrieben

Service Level Agreements (SLA): Liste von vertraglich zugesicherten technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für den Bezug der Cloud-Leistungen

XaaS (X as a Service): Einzelservices aus der Cloud. Bekannte Varianten: SaaS (Software-as-a-Service), IaaS (Infrastructure-as-a-Service), PaaS (Platform-as-a-Service), CaaS (Communication-as-a-Service).

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