Das aktuelle Interview | 27.09.2010

Martina Koederitz, Geschäftsführerin mit Ressort Mittelstand und Partnergeschäft bei IBM Deutschland
Fragen zur Zukunft des Mittelstands stehen im Fokus des Exklusivinterviews mit Martina Koederitz, Geschäftsführerin mit Ressort Mittelstand und Partnergeschäft bei IBM Deutschland.
B4B MITTELSTAND: Frau Koederitz, Sie sind seit April letzten Jahres Geschäftsführerin des Ressorts Mittelstand und Partnergeschäft bei IBM Deutschland. In Ihren bisherigen Tätigkeiten hatten Sie bereits zahlreiche Berührungspunkte mit dem Mittelstand. Wie schätzen Sie die Situation der kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland derzeit ein?
Martina Koederitz: Soweit wir das aus IBM-Sicht beurteilen können, ist die Lage des deutschen Mittelstands sehr gut. Wir leben als Wirtschaftsstandort von unseren Mittelständlern, die von sehr viel Kreativität und Innovation geprägt sind. Damit haben sich sowohl kleine als auch mittlere Betriebe europaweit und international Spitzenplätze erobert, viele davon haben sich inzwischen zu globalen Unternehmen entwickelt. In den aktuellen Wirtschaftsdaten und Stimmungsindikatoren zeigt sich, dass Zuversicht und Optimismus zurückgekehrt sind.
B4B MITTELSTAND: Spüren Sie jenseits der Umfragen in Ihren persönlichen Gesprächen mit den Mittelständlern diesen Optimismus auch?
Martina Koederitz: Das kann ich nur unterstreichen. Wir haben uns bei IBM je nach Zielgruppe organisatorisch unterschiedlich aufgestellt. Da ist zum einen das Segment der kleinen und mittleren Unternehmen, die wir über unsere Geschäftspartner betreuen. Wir arbeiten in sechs Regionen in sogenannten Partnership Solution Centern, um regional für Partner und Kunden greifbar zu sein. In regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen oder Diskussionsrunden zeigt sich: Das Interesse der mittelständischen Kunden, sich über Herausforderungen, neue Lösungen und Ideen auszutauschen, ist wieder da, nachdem es etwa in der zweiten Jahreshälfte 2009 einen Einbruch gegeben hatte.
Im Geschäftssegment des oberen Mittelstands zeichnet sich ein ähnlich positives Bild ab - hier arbeiten wir eng mit unseren Industrie-Organisationen zusammen, um das Branchen-Know-how beim Kunden zu vertiefen.
B4B MITTELSTAND: Eine wichtige Herausforderung für die Unternehmen ist der permanente Wandel im wirtschaftlichen und technologischen Umfeld. Die Zeiten langjähriger Vorausplanung sind vorbei, die Unternehmenslenker müssen sich bei ihren Entscheidungen auf ständige Veränderungen einstellen. Wo sehen Sie die wichtigsten Herausforderungen in diesem Zusammenhang?
Martina Koederitz: Ich bin überzeugt, dass es keine Rückkehr in alte Denkschemata mehr geben wird. Wir werden ein neues Normal erleben, eine neue Zukunft zu gestalten haben. In den letzten sechs bis zwölf Monaten ging es vor allem um Kostensenkung, Effizienz und Nutzung von Produktivitätsspielräumen, für die Zukunft treten neue Themen in den Vordergrund.
Wir müsssen akzeptieren, dass wir in einer globalen Wirtschaftswelt agieren, dass wir nicht mehr auf dem Weg dorthin, sondern bereits angekommen sind. Für IBM bedeutet das, kleine und mittelständische Unternehmen als Partner und Berater zu begleiten. Konkret wollen wir sie beispielsweise dabei unterstützen, ihre Geschäftsprozesse und Strukturen auf die neue Situation global integrierter Märkte einzustellen. Der deutsche Mittelstand hat schon immer sehr stark vom Export gelebt. In letzter Zeit haben sich die Wachstumsraten in Zukunftsregionen wie China, Indien oder Brasilien stärker entwickelt als die in Europa. Wir sehen eine große Chance für Mittelständler, von diesem Wachstum zu profitieren und sich dort eine entsprechend gute Marktposition zu erarbeiten.
Ein zweites Thema, das damit korrespondiert: Die Geschäftstätigkeit hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Insgesamt ist die Welt vernetzter und verzahnter geworden. Die Frage lautet daher: Wie gehen wir intelligenter, wir bei IBM würden sagen: smarter, mit der gewachsenen Komplexität um? Wir wollen unsere Kunden dabei unterstützen, die gewachsenen Anforderungen und die gestiegene Komplexität besser zu durchdringen, beispielsweise mit intelligenten IT-Lösungen. Ziel ist, dass die Unternehmen sich die Dynamik und Flexibilität bewahren, um auf Veränderungen schnell zu reagieren. Diese Veränderungen werden teils durch neue gesetzliche Regelungen, teils durch neue Wettbewerber und neue Situationen auf dem Markt hervorgerufen.
Die dritte Herausforderung besteht in den Anstrengungen der Unternehmen, ihre Innovationskraft zu steigern. Der Mittelstand hat sich in der Vergangenheit durch Innovation und Qualität ein hohes Ansehen, geradezu ein Wertprädikat erworben und sich so seine starke Position erarbeitet. In Zukunft wird es um die Frage gehen: Wie kann die Innovationsfähigkeit eines Betriebes etwa mittels Technologie stimuliert werden, um weiterhin die Führungsposition in der Branche zu behaupten.
B4B MITTELSTAND: Aus Ihren Worten ergeben sich zwei wichtige Gesichtspunkte: einmal die verstärkte Unterstützung der Geschäftsprozesse durch IT und zum zweiten die Bewältigung der zunehmenden Komplexität durch die Inanspruchnahme von Beratung. Wie sieht denn diese Verzahnung aus IT-Einsatz und Beratungsleistungen bei IBM aus?
Martina Koederitz: Früher hat man IT im Rechenzentrum für bestimmte Anwendungen wie beispielsweise in den kaufmännischen Abteilungen zur Verfügung gestellt. Heute dagegen ist IT allgegenwärtig geworden und hat im Unternehmen eine wesentlich höhere Notwendigkeit erreicht. Die Verzahnung und weitgehende Integration von Kunde, Vertrieb, Auftragseingang, Produktion, Rechnungsstellung und Serviceleistung ist heute in fast allen Industrien eine Realität. Jetzt müssen wir diese Geschäftsprozess- und Wertschöpfungsketten mittels IT intelligenter machen. Dabei können wir den Kunden sowohl mit Technologie als auch mit Beratung begleiten: Technologie in Form von Infrastrukturen oder Anwendungssystemen, in denen die Geschäftsprozesslogik abgebildet wird, Beratung in Form von Best Practices, Branchen-Know-how und einem umfassenden Geschäftspartner-Netzwerk.
B4B MITTELSTAND: Auf welche IT-Technologien und -Konzepte sollten denn Mittelständler künftig ihre Aufmerksamkeit richten?
Martina Koederitz: Cloud Computing steht da sicherlich auf einem vorderen Platz. Es geht um die Frage: Wie kann ich IT-Dienste für mein Unternehmen schneller, flexibler, kostengünstiger und dynamischer beziehen – entweder auf der Basis eigener IT-Strukturen oder auf der Basis der Zusammenarbeit mit einem externen Partner. Die IT-Technologie hat schon heute einen Stand erreicht, mit dem wir bestimmte IT-Services durch hohe Standardisierung und Automatisierung kostengünstig anbieten können, was zu spürbaren Kosten- und Produktivitätsvorteilen führen kann. Das ist derzeit der Trend und die Diskussion geht darum, welche IT-Dienste sich für dieses Modell generell eignen.
B4B MITTELSTAND: Wie steht es denn Ihrer Erfahrung nach derzeit mit der Akzeptanz des Cloud-Konzepts im Mittelstand, gerade auch vor dem Hintergrund von Sicherheitsbedenken?
Martina Koederitz: Nachgefragt wird viel, validiert und geprüft ebenso. Die Frage wird immer sein, in welchen Anwendungen und Funktionen sich die Kunden Funktionalität dazukaufen wollen und welche sie eventuell in den eigenen Organisationen als sogenannte Private Cloud betreiben wollen. Bei letzteren können sie die Einhaltung der Sicherheitsnormen garantieren, die in ihrem Unternehmen etabliert sind. Aber auch professionelle Cloud-Anbieter wie IBM können IT-Services mit einem Sicherheitsstandard zur Verfügung stellen, der allen Anforderungen und Vorschriften genügt. Somit können Unternehmen auch Public Cloud Dienste mit hohem Sicherheitniveau nutzen.
B4B MITTELSTAND: Gibt es neben Cloud-Computing weitere IT-Trends, die es zu beachten gilt?
Martina Koederitz: Informationsmanagement gehört sicherlich zu den Themen, die in Zukunft erfolgsentscheidend sind. Vor allem wenn Sie das rasante Datenwachstum bedenken - durch die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung unserer Welt ist das Datenvolumen explosionsartig angestiegen und täglich kommen 15 Petabyte hinzu. Aber die Daten alleine liefern keine neuen Erkenntnisse. Vielmehr haben sie für Unternehmen nur dann einen wirtschaftlichen Wert, wenn man sie in Verbindung zueinander setzt, analysiert und die richtigen Schlüsse für zukünftige Entscheidungen daraus ziehen kann. Stichwort Business Intelligence und Analytics.
Und einen dritten Trend sehe ich in der zunehmenden Mobilität, sowohl unter dem Aspekt der Mitarbeiter und der Kunden als auch der Geschäftsmodelle insgesamt. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt erfordert hohe Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit von Menschen und Unternehmen, und das Arbeiten von zu Hause oder unterwegs nimmt zu. Voraussetzung dabei sind neben entsprechenden IT-Infrastrukturen eine Arbeitsumgebung und Geschäftsprozessabläufe für die effiziente Zusammenarbeit bei gemeinsamen Aufgabenstellungen. So schätzt etwa der Branchenverband BITKOM, dass bis zum Jahr 2024 über 75 Prozent der Büroangestellten in Deutschland regelmäßig außerhalb des Büros arbeiten werden.
B4B MITTELSTAND: Welche persönlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit für den Mittelstand? Wo sehen Sie Ihre persönliche Linie?
Martina Koederitz: Als ich meine heutige Aufgabe übernommen habe, war mein wichtigstes Ziel, die IBM bei den mittelständischen Betrieben mit Hilfe unseres breit ausgebauten Partnernetzes präsent zu machen. Man hört ja immer noch: Die IBM macht doch nur Hardware, und dann auch nur für große Unternehmen. Das ist falsch! Gemeinsam mit unseren Geschäftspartnern beiten wir umfassende Lösungen und Services an, die sehr wohl eine starke Relevanz für das mittelständische Unternehmertum haben. Auf diesem Weg sind wir ein großes Stück vorangekommen. Auf der diesjährigen CeBIT beispielsweise haben wir einen sogenannten Referenzboulevard nur mit konkreten Lösungsszenarien aus dem Mittelstand aufgebaut. Das kam bei den Standbesuchern sehr gut an.
Wichtig ist mir auch, dass wir als verlässlicher und kompetenter Partner wahrgenommen werden, der mit seinem Know-how und seinem Lösungensportfolio einen Beitrag zum Erfolg des Kunden leistet. Wir müssen unseren Erfolg am Erfolg unseres Kunden messen. Ich bin davon überzeugt, dass moderne IT viel Potenzial freisetzt, damit Unternehmen ihre Innovations-und Wettbewerbsfähigkeit weiter schärfen können.
B4B MITTELSTAND: Frau Koederitz, herzlichen Dank für das Gespräch.
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