Interview mit Dr. Christine Bortenlänger

Börsengang und Mittelstand

Das aktuelle Interview | 13.10.2011

Dr. Christine Bortenlänger
Dr. Christine Bortenlänger

B4B MITTELSTAND sprach mit Dr. Christine Bortenlänger, Vorstand der Bayerischen Börse AG und Mitglied der Geschäftsführung der Börse München zum Thema Börse und Mittelstand in Deutschland.

B4B MITTELSTAND: Frau Dr. Bortenlänger, wenn es um das Thema Börse geht, rücken vor allem Dax-Konzerne wie BMW oder die Allianz in den Blickpunkt, aber nicht mittelständische Unternehmen. Warum sollte Ihrer Meinung nach ein Mittelständler überhaupt an die Börse gehen?

Christine Bortenlänger: In erster Linie bedeutet der Gang an die Börse eine Verbesserung der Finanzierungssituation, eine Stärkung des Eigenkapitals für das betreffende Unternehmen. Der deutsche Mittelstand ist bekannt für seine Innovationskraft und für seine Technologieorientierung. Im internationalen Vergleich ist die Eigenkapitaldecke aber oftmals niedrig. Um im globalen Wettbewerb bestehen und offensiv agieren zu können, ist eine ausreichende Eigenkapitaldecke aber extrem wichtig. Diese ist auch die Voraussetzung für die Fremdkapitalbeschaffung, denn die Finanzierung über die Börse und durch die Bank schließen sich keinesfalls aus, ganz im Gegenteil.

B4B MITTELSTAND: Aber viele Unternehmer fürchten den Börsengang, weil sie dann Informationen an die Öffentlichkeit und damit auch an die Konkurrenz, die Zulieferer und Kunden geben müssen.

Christine Bortenlänger: Natürlich erfordern ein Börsengang und das Being Public, also die Börsennotierung, ein hohes Maß an Transparenz. Schließlich geht es darum, das Vertrauen der Investoren, der Anleger, zu gewinnen. Wer sein Geld in ein Unternehmen steckt, will wissen, wie es „dasteht“ und welche Zukunftschancen es hat. Im Übrigen veröffentlichen viele nicht börsennotierte Unternehmen inzwischen freiwillig einen Geschäftsbericht, weil sie diese Offenheit im Kontakt zu ihren Kunden, Lieferanten und der Gesellschaft für notwendig erachten.

B4B MITTELSTAND: Sie haben ein eigenes Börsen-Segment für den Mittelstand eingerichtet, was verbirgt sich dahinter?

Christine Bortenlänger: Wir haben m:access 2005 ganz gezielt eingerichtet, um auch mittleren und kleineren Unternehmen den Börsengang zu ermöglichen. Ein hohes Maß an Transparenz für den Anleger gilt dabei als unverzichtbar. Wir fordern aber keine übertriebenen Informationspflichten, wie sie für weltweit agierende Großkonzerne sinnvoll erscheinen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Unsere Unternehmen können weiterhin nach HGB bilanzieren und brauchen nicht auf die sehr aufwändige Internationale Rechnungslegung umzustellen. Auch halten wir eine Veröffentlichung der Unternehmenskennzahlen für angemessen und nicht etwa Quartalsberichte. Einmal im Jahr stellen sich die Unternehmen im Rahmen einer Analystenkonferenz den Fragen der Investoren. Diese Konferenz organisiert die Börse.

B4B MITTELSTAND: Haben die Unternehmen das Segment m:access angenommen?

Christine Bortenlänger: Wir haben inzwischen vierzig Unternehmen in diesem Segment und erwarten weitere Neuzugänge, wenn das Börsenumfeld passt. Wir verzeichnen in m:access bereits heute einen bunten Branchen-Mix sowie Unternehmen ganz unterschiedlicher Größe mit Umsätzen im ein- bis dreistelligen Millionenbereich. Ich bin sicher, m:access repräsentiert inzwischen den sehr erfolgreichen und sehr heterogenen deutschen Mittelstand.

B4B MITTELSTAND: Gibt es neben dem einmaligen Börsengang weitere Möglichkeiten, sich über die Börse zu finanzieren?

Christine Bortenlänger: Ein börsennotiertes Unternehmen kann im Bedarfsfall sehr viel flexibler agieren - etwa durch eine Kapitalerhöhung oder durch einen Aktientausch. Über m:access kann ein Unternehmen, das noch nicht an der Börse ist, überdies eine Mittelstandsanleihe platzieren und erste Erfahrungen am Kapitalmarkt sammeln. Da diese Mittelstandsanleihen von Privatanlegern stark nachgefragt werden, achten wir hier aber im Sinne des Anlegerschutzes sehr genau darauf, dass es sich um durch und durch gesunde mittelständische Unternehmen handelt.

B4B MITTELSTAND: Welche Gründe könnte ein Familienunternehmen noch haben, um sich mit einem Börsengang anzufreunden?

Christine Bortenlänger: Börsennotierte Unternehmen weisen eine Reihe von Vorteilen auf: sie können die Nachfolgefrage professioneller lösen – und bei etwa einem Viertel aller Unternehmen steht dieses Thema in den nächsten fünf Jahren an. Mitarbeiter können enger an das Unternehmen gebunden und besser motiviert werden – denken Sie nur an die Ausgabe von Belegschaftsaktien. Neue qualifizierte Mitarbeiter können leichter gewonnen werden – angesichts der demographischen Situation wird dies immer wichtiger. Und nicht zuletzt erhöht sich ganz allgemein der Bekanntheitsgrad eines Unternehmens, das an der Börse notiert ist.

B4B MITTELSTAND: Sind Börsenunternehmen erfolgreicher?

Christine Bortenlänger: Das kann man so pauschal sicher nicht beantworten. Familienunternehmen und Mittelstand sind ja nicht immer gleich zu setzen, aber erfahrungsgemäß ist ein Mittelständler oftmals ein Familienunternehmen. 50 Prozent aller börsennotierten Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen, das heißt, Familien treten zumindest als Ankerinvestoren auf, wenn sie nicht in der Geschäftsführung tätig sind. Die Performance dieser Familienunternehmen an der Börse ist ganz überwiegend besser als diejenige „reiner“ Aktiengesellschaften. Das macht sie für Investoren interessant.

B4B MITTELSTAND: Sie sind eine Börse, es geht bei Ihnen vor allem um den Handel mit Aktien und anderen Wertpapieren. Warum haben Sie eigentlich m:access ins Leben gerufen?

Christine Bortenlänger: Weil wir das als zwei Seiten einer Medaille sehen: Wir organisieren als Börse den Wertpapierhandel, und dabei geht es uns besonders um den Anlegerschutz. Deshalb konzentrieren wir uns auf Aktien, ETFs und ETCs, also börsengehandelte Fonds, Fonds und Anleihen. Komplizierte derivative Finanzinstrumente mit extrem hohem Risiko gibt es bei uns nicht. Mit m:access wollen wir erfolgreiche mittelständische Unternehmen an die Börse führen, gerade auch als Chance für den Anleger.

zurück drucken versenden verlinken

Mehr zum Thema

Andreas Schmidt im Interview

Andreas Schmidt, Vorstand der Bayerischen Börse AG, Mitglied der Geschäftsführung der Börse München im Interview [ zum Video ]

Online Tipps

B4B Mittelstand Dezember 2011 - Generationswechsel: Eine Sache des Vertrauens

Hier finden Sie alle Onlinetipps der Dezember-Ausgabe:

Generationswechsel: Eine Sache des Vertrauens

Aktuelle Heftausgabe

B4B MITTELSTAND Dezember 2011

B4B MITTELSTAND bedient den aktuellen Informationsbedarf des Mittelstands. Die Beiträge vermitteln einen Überblick über das jeweilige Thema und zeigen dessen praktischen Nutzen auf.

Regionalnachrichten

Klicken Sie auf die Wirtschaftsnachrichten Ihrer Region:

Anzeige

Aktuelles Video

Die Industrie hat Normen und Vorgaben für die Energiewende in Deutschland entwickelt, nun beginnt die praktische Umsetzung.