Das aktuelle Interview | 23.05.2011

Matthias Schindler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei Fujitsu
B4B MITTELSTAND sprach mit Matthias Schindler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei Fujitsu, über die Zukunft der IT in kleinen Unternehmen.
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B4B MITTELSTAND: Herr Schindler, der deutsche Mittelstand hat sich in den letzten Jahren als außerordentlich robust erwiesen. Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Ansicht nach bestehen, damit ein mittelständisches Unternehmen auch künftig im harten Wettbewerb bestehen kann?
Matthias Schindler: Die Stärke des Mittelstands ist seine große Flexibilität. Diese bedeutet, Fragen zu stellen und zu beantworten wie: Wo sind meine Nischen, wo kann ich mit meiner Produktpalette Fuß fassen, worin liegt mein individueller Vorteil? Hinzu kommt noch eine weitere Stärke: sehr schnell zu reagieren, sehr schnelle Entscheidungsprozesse zu pflegen und sich dadurch sehr rasch den wirtschaftlichen Veränderungen anpassen zu können. Dies sind die Hauptstärken des deutschen Mittelstands.
Wir als global operierendes Unternehmen betrachten auch den internationalen Vergleich. Die herausragende Position des deutschen Mittelstands besteht natürlich auch darin, dass in Deutschland der Mittelstand im Vergleich zu anderen Ländern der europäischen Gemeinschaft extrem stark vertreten ist. In England, Frankreich, Italien, Spanien etwa hat er, gemessen an der Anzahl der Betriebe, nicht diese Basis wie sie der deutsche Mittelstand darstellt.
B4B MITTELSTAND: Welche Rolle kommt denn der IT für den Erfolg des Mittelstands zu?
Matthias Schindler: Die IT ist in hohem Maße für die mittelstandstypische Flexibilität verantwortlich; sie sorgt dafür, dass das Unternehmen anpassungsfähig ist und sehr schnell auf neue Gegebenheiten reagieren kann. Mit möglichst geringem Administrationsaufwand unterstützt die IT den Unternehmenserfolg – insofern spielt sie eine sehr wichtige Rolle.
B4B MITTELSTAND: Welche Gesichtspunkte sind aus Ihrer Sicht entscheidend, wenn es um die Konzeption einer zukunftsfähigen IT-Umgebung in einem mittelständischen Unternehmen geht?
Matthias Schindler: Wie eben gesagt, hat die IT die Aufgabe, die Unternehmensflexibilität sicher zu stellen. Die IT-Verantwortlichen müssen sich sehr genau überlegen: Was können wir im Unternehmen selber leisten und was wollen wir nicht mehr im eigenen Haus abwickeln? Das wird die Kernfrage der nächsten fünf bis sieben Jahre sein. Wir wissen, dass rund 70 Prozent aller Mittelständler vorhaben, in den nächsten fünf bis sieben Jahren ihre IT-Infrastruktur in irgendeiner Form aus dem Haus zu geben.
„Aus dem Haus geben“ heißt in diesem Fall nicht unbedingt, sie physikalisch aus dem Rechenzentrum zu entfernen, sondern es kann auch heißen, dass ein externer Dienstleister die IT an Ort und Stelle betreibt. Die Aufgabe der IT-Abteilung eines Mittelständlers ist es, zu überlegen: Was sind meine Kernaufgaben, die ich selber mit meiner bestehenden Mannschaft lösen kann, was eignet sich dafür, dass es ein Dienstleister in meinem Unternehmen betreibt und was gebe ich sogar ganz nach draußen in die Hände eines Providers. Man beginnt im Mittelstand schon heute sehr stark über diese Themen nachzudenken. Der Sammelbegriff Cloud Computing ist im Grunde genommen ein Oberbegriff für alternative IT-Konzepte im Rahmen von Überlegungen, welche Aufgaben sich sinnvollerweise im Eigenbetrieb erledigen lassen und was besser bei einem externen Dienstleister aufgehoben ist.
B4B MITTELSTAND: Fujitsu ist ein technologisch sehr breit aufgestelltes Unternehmen, das sowohl das Modell „IT im Eigenbetrieb“ als auch Cloud-Strategien bedient. Welche Trends beobachten Sie derzeit im Mittelstand hinsichtlich der Akzeptanz von Cloud-Modellen?
Matthias Schindler: Die Akzeptanz hängt sehr stark mit dem Thema Sicherheit zusammen. Derzeit sind die Unternehmen gerade mitten in einem Analyseprozess. Man geht die eigenen Prozesse Schritt für Schritt durch, man prüft Strategien wie zum Beispiel Standard-Client-Management oder IaaS (also Infrastructure as a Service). Und wir sehen die ersten Unternehmen, die aufgrund solcher Analysen jetzt beginnen, gewisse Aufgaben outzusourcen oder eben im eigenen Haus zu belassen. Wir von Fujitsu sind momentan stark bei der Prozessunterstützung engagiert, das heißt: Wir analysieren mit den Kunden in Workshops, was sie selber gut können und weiter tun sollten und welche Prozesse soweit standardisiert sind, dass sie diese nach draußen geben können. Das ist der Prozess, der im Markt im Moment vor sich geht. Wir gehen davon aus, dass sich das eigentliche Cloud Computing in den nächsten 12, 24 oder 36 Monaten sehr stark entwickeln wird, weil dann für jeden auch das Sicherheitsthema, also die Frage, wo die Daten hingehen und wer was mit den Daten tut, durchschaubar sein wird. Wir haben mehrere Rechenzentren, etwa in Neckarsulm und auch hier in Augsburg, wo wir diese Dienstleistungen in Deutschland anbieten. Und wir verzeichnen ein sehr starkes Interesse bei unseren Kunden, diese Rechenzentren zu besuchen und sich konkret anzusehen, was passiert, wenn sie diesen Service nutzen würden.
B4B MITTELSTAND: Wenn Sie nun etwa zehn Jahre in die Zukunft schauen, wo sehen Sie dann das Cloud-Konzept im deutschen Mittelstand?
Matthias Schindler: Das ist im Grunde genommen die Fortschreibung dessen, was ich eben gesagt habe. Ich glaube, in fünf bis sieben Jahren werden über 70 Prozent der Unternehmen über die Hälfte ihrer Applikationen nach draußen gegeben haben. Wir werden sehen, dass es viel einfacher ist, eine Leistung dann abzurufen, wenn sie gebraucht wird, also on demand. Das Sicherheitsproblem wird gelöst sein. Man wird entweder private Leitungen haben oder Provider, die entweder im Haus oder im Rechenzentrum des Dienstleisters diese Services erbringen. Es wird dann etwas ganz Normales sein, so wie es heute ja auch schon für den Privatanwender etwas völlig Normales ist, einfache Applikationen im Netz abzurufen und nur dafür zu bezahlen, was er nutzt und wie lange er es nutzt, statt auch dann zu bezahlen, wenn er keine Leistung abruft. Diese Flexibilität wird aus meiner Sicht sogar der Mittelständler als erster abrufen, weil er eben diese Flexibilität verkörpert. Auf dem Weg zur Entscheidung “Cloud Computing oder nicht?“ wird er noch eine Zeit lang prüfen und testen. Aber wenn die Entscheidung gefallen ist, wird der Prozess – dafür ist der deutsche Mittelstand ja bekannt – sehr schnell verlaufen, und der Mittelständler wird sich Dienstleister seines Vertrauens suchen und solche Projekte dann sehr zügig durchziehen.
B4B MITTELSTAND: Welchen Stellenwert hat denn das Mittelstandsgeschäft für Fujitsu innerhalb des Konzerns?
Matthias Schindler: Einen sehr großen. Wir haben uns innerhalb des Unternehmens sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie man die genannten mittelstandsgerechten Technologieansätze umsetzen kann. Wir haben vor etwa vier Jahren angefangen, diesen Sektor als eigenen Bereich aufzubauen. Dabei ist klar: Man muss den Mittelstand persönlich abholen, sich dezidiert darauf fokussieren. Der Mittelständler ist nicht ein kleiner Großkunde, sondern gehört einer eigenen Welt an. Man muss in diesem Thema zuhause sein und von morgens bis abends den Mittelstand leben. Und das tun wir. Wir haben eine Produktpalette, die komplett ist, von der Maus über PCs, Workstations, Server und Storage. Bis hin zum Outsourcing-Rechenzentrum können wir die vollständige Bandbreite dessen, was der Mittelstand braucht, abdecken. Wir haben zudem mit der TDS eine Fujitsu-Tochter, die sich ausschließlich in diesem Bereich bewegt, so dass der Fokus auf dem Mittelstand – der bei vielen nur ein Lippenbekenntnis ist – bei uns tatsächlich auch umgesetzt wird: Weil wir direkt zu den Endkunden gehen, weil wir die engen Partnerbeziehungen zu unserem Fachhandel nutzen, um wirklich alle Bedürfnisse und Facetten des Mittelstands abzudecken. All unsere Mitarbeiter, einschließlich mir selbst, sind ausschließlich im Mittelstand zu Hause – nicht einfach in der Hardware, nicht im Sinne von „manchmal Großkunde, manchmal kleiner Kunde“ –, wir sind ausschließlich Mittelstand und wir leben das.
B4B MITTELSTAND: Wie verändert sich die Mittelstandsstrategie Ihres Unternehmens mit dem stetigen Wandel, den die Flexibilität des Mittelstands mit sich bringt?
Matthias Schindler: Ich glaube, man sollte hier die Kontinuität sehen. Wir haben das Mittelstandssegment aufgebaut und die Strategie – die übrigens global ist, unsere Mittelstandsangebote werden weltweit ausgerollt – ist es, schnell auf Veränderungen zu reagieren, so wie wir es bei Cloud Computing gehalten haben: Wir haben eigene Ressourcen geschaffen, eigene Rechenzentren aufgebaut, und zwar in Deutschland, denn aus rechtlichen Gründen müssen die Daten in Deutschland gelagert werden. Wir reagieren auf die Trends und investieren entsprechend, wie wir es beispielsweise in Augsburg getan haben, wo im Wesentlichen die Entwicklung für unsere Server- und Storage-Einheiten für den gesamten Fujitsu-Konzern angesiedelt ist. Das versetzt uns in die Lage, dem Mittelstand extrem flexible Lösungen anbieten zu können, ohne zu vergessen, dass das Ganze auch bezahlbar bleiben muss. Was wir im täglichen Umgang mit unseren Kunden erfahren oder in gemeinsamen Workshops erarbeiten, fließt unmittelbar in die Produkte und Lösungsangebote ein, die wir dem Mittelstand anbieten. Das ist ein Geben und Nehmen, und ich glaube, wir sind in einem sehr engen Kontakt mit unseren mittelständischen Kunden, weil wir gut zuhören, lernen und das Feedback dann sehr schnell in Deutschland umsetzen.
B4B MITTELSTAND: Wenn sich die Bundesregierung entschlösse, die Position eines Mittelstandsministers zu schaffen und Sie auf diesen Posten zu berufen: Was wären Ihre wichtigsten Sofortmaßnahmen zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen?
Matthias Schindler: Also, ich würde mir wünschen, dass wir die Lehren aus dem ziehen, was wir heute aus Basel II oder jetzt Basel III lernen, nämlich dass Finanzmittel wesentlich flexibler fließen müssen. Wir beobachten im IT-Bereich das Problem, dass Unternehmen, die sehr schnell wachsen und die flexibel reagieren müssen, in ein gewisses Finanzkorsett gezwungen werden und damit an Flexibilität einbüßen. Dieses Problem würde ich als Mittelstandsminister als Erstes angehen. Ein zweites Problemfeld ist: Mittelständler haben nicht diese umfangreichen Stäbe wie Großunternehmen, um sich am Markt technologisch so zu informieren, wie es notwendig wäre. Ich würde hierzu ein Gremium schaffen, eine Plattform, auf der man sich auch als Mittelständler leichter Informationen zu technologischen Entwicklungen und Trends besorgen könnte, um das Beste für das eigene Unternehmen herauszuziehen – etwa um Entscheidungen vorzubereiten. Gerade die IT-Leiter eines mittelständischen Unternehmens werden heute dadurch, dass sie fast als einzige im Unternehmen permanent in Prozessen leben, in die Organisationsberatung des Betriebs einbezogen. Das bedeutet: Die Rolle des IT-Leiters wird immer wichtiger, und seine Bedeutung wächst, je mehr er dazulernen kann. Diese Lernplattform zu schaffen und mit der Flexibilisierung der Finanzmittel zu verbinden, das wären meine ersten Initiativen, die ich als Mittelstandsminister angehen und voranbringen würde.
B4B MITTELSTAND: Herr Schindler, herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Die Fragen stellte B4B MITTELSTAND-Redakteur Dr. Hans-Dieter Radecke
In einem exklusiven Interview stellte sich Matthias Schindler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei Fujitsu Deutschland, Fragen von ... [ zum Video ]

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