Expertentipps | 24.02.2009
Wo „Unified Communications“ drauf steht, ist optimal vernetzte Zusammenarbeit drin – erfuhren die Teilnehmer eines Roundtable von B4Bmittelstand. Zur Bildergalerie
„Wenn's kompliziert klingt, wird's meistens teuer.“, lautete die vielsagende Antwort eines mittelständischen Logistikers auf die Frage, was er denn mit dem Begriff „Unified Communications“ (UC) verbinde. Hier sprach jemand, der auf fast zwanzig Jahre Freud' und Leid mit IT- und Telekommunikationstechnologie zurückblicken kann. Ein gewisses gesundes Misstrauen gegenüber schwungvoll hingeworfenen Anglizismen und Scheunentor-weiten Fachausdrücken ist ihm wohl nicht zu verübeln.
Was diesen erfahrenen Spediteur mit vielen tausend Mittelständlern verbindet, ist eine fast vollständige Unkenntnis dessen, was der Begriff UC, der in letzter Zeit immer stärker auch an den Mittelstand herangetragen wird, nun eigentlich bedeutet und was kleine und mittlere Unternehmen davon haben. Um hier einerseits Klarheit zu schaffen, andererseits eine gemeinsame Sprachebene zwischen IT-Industrie und Mittelstand zu finden, veranstaltete B4Bmittelstand eine Roundtable-Diskussion zum Thema UC, bei der sich Anbieter von UC-Lösungen und mittelständische Unternehmer gegenüber saßen.
Der entscheidende Knackpunkt des Themas UC wurde gleich zu Anfang der Aussprache deutlich: das enorme Informationsdefizit der mittelständischen Unternehmer. Einerseits berichteten die UC-Anbieter übereinstimmend von Problemen, die Merkmale und Vorteile des Konzepts kleineren Betrieben zu vermitteln, andererseits bekannten sich die anwesenden Mittelständler einmütig zu umfangreichen Wissensdefiziten. So erklärte etwa Dr. Heiko Frank, Vorstandsvorsitzender der Tefen AG, einer auf Mittelstandskunden fokussierten, Technologie-orientierten Unternehmensberatung mit rund 350 Mitarbeitern: „Ich bin Betriebswirtschaftler, kein Ingenieur, und ich muss sagen, vor der Einladung zu dieser Veranstaltung war mir dieser Begriff noch nicht untergekommen.“ Nortel-Vertreter Martin Ruoff ergänzte: „Wir stellen allgemein fest, dass der Begriff im Mittelstand noch weitgehend unbekannt ist, dass zumindest aber sehr unklare Vorstellungen darüber bestehen, was damit eigentlich konkret gemeint ist. Der Mittelstand hat die Vorteile der Technologie noch nicht erkannt.“
Daraufhin bemühten sich die Vertreter der UC-Spezialisten, zumindest für die Diskussion in dieser Runde eine verständlichere Sprachregelung zu finden. Manfred Bauer vom Netzwerkspezialisten Cisco schlug vor, den Begriff nicht aus der Technik- sondern aus der Nutzenperspektive zu wählen: „Der entscheidende Punkt, um den es bei UC geht, ist die Vernetzung der IT- und TK-Systeme zu einer Einheit, die Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden zu einem optimal produktiven Team zusammenführt. 'Vernetzte Zusammenarbeit' von Menschen ist daher ein Begriff, der das Wesentliche an UC auf den Punkt bringt.“
Matthias Schindler von Fujitsu Siemens Computers stimmte zu: „Im Gespräch mit mittelständischen Kunden muss immer klar sein, dass das Ziel nicht die IT ist, sondern der Business-Nutzen. Vor jedem UC-Projekt muss eine Bestandsaufnahme stehen, die die Frage beantwortet: Was meint Unified Communications in diesem speziellen Fall? Diese Diskussion muss mit den IT-Verantwortlichen, der Geschäftsleitung und den Nutzern gemeinsam geführt werden, damit die Technologie optimalen Nutzen bringen und von den Mitarbeitern auch akzeptiert werden kann.“
Von verschiedenen Seiten wurde angemerkt, dass die mittelständische Wirtschaft kein homogener Block ist, und dass daher auch der Wissensstand und die Einstellung zu technologischer Innovation von Betrieb zu Betrieb höchst unterschiedlich sind. Stephan Boldt vom UC-Anbieter Swyx Solutions begegnet zwei verschiedenen Typen von Unternehmen: „Solche, die IT-mäßig sehr gut aufgestellt sind und solche, für die innovative IT-Technologien niedrigere Priorität besitzen. Letztere verfügen über sehr wenig Wissen und sind vorsichtiger bei der Einführung neuer Lösungen.“ Christoff Wiethoff, Vertriebsleiter bei Ferrari electronic, ergänzte: „Als UC-Anbieter sind wir natürlich mit beiden Gruppen in Kontakt. Entscheidend ist dabei, dass wir unsere Beratung an die jeweilige Einstellung des Kunden anpassen und seinen speziellen Nutzen ermitteln und aufzeigen. Wichtig ist dabei, dass man UC-Lösungen auch schrittweise einführen kann.“
Dieser Nutzenaspekt war den anwesenden Mittelständlern ganz offensichtlich besonders wichtig. Sein individuelles Interesse an der Technologie schilderte Hüseyin Güngör, Geschäftsführer der GD Engineering & Automation GmbH, einem Betrieb mit rund 30 Mitarbeitern, der Lösungen im Bereich Steuerungstechnik und Robotik entwickelt: „Wir sind international tätig, haben Projektteams in mehreren Ländern. Für uns ist es daher ganz besonders wichtig, dass die Zusammenarbeit möglichst schnell und produktiv erfolgen kann, wobei TK und IT (beispielsweise die CAD-Anwendungen der Entwickler) gemeinsam einbezogen sein müssen. Wir brauchen durchgängige Kommunikationspfade statt Insellösungen, die wir mit großem Aufwand koordinieren müssen. Von einer UC-Lösung erwarte ich mir die komplette Integration der verschiedenen Kanäle über alle Standorte hinweg, so dass wir mit wesentlich mehr Effizienz an unseren Projekten arbeiten können.“
Eher skeptisch stand Helmuth Schuster, Geschäftsführer der Hosp & Kögel Bauunternehmung mit rund 100 Mitarbeitern, dem Thema gegenüber. „Mit meinem bisherigen Wissensstand sehe ich noch keine klaren Vorteile für unseren Betrieb. Zwar ist mobile Kommunikation für uns ein wichtiges Instrument, aber die vorhandene Technik zu ersetzen, dazu besteht derzeit kein unmittelbarer Bedarf. Auf jeden Fall muss die UC-Lösung einfach zu handhaben sein. Jede neue Technologie wird von den Mitarbeitern zuerst einmal als kompliziert empfunden, es muss also schon ein Leidensdruck da sein, bevor man Bewährtes herausreißt und durch Neues ersetzt, von dem man annimmt, dass es nach wenigen Jahren schon wieder ausgetauscht werden muss.“
Lutz Böttcher von Siemens Enterprise Communications wies an dieser Stelle auf ein Missverständnis hin: „Es ist nicht so, dass die Einführung einer entsprechenden Lösung automatisch ein 'Herausreißen' der vorhandenen Infrastruktur bedeutet. Im Sinne des Kunden sollten alle Anwender daran interessiert sein, soweit möglich und sinnvoll die vorhandenen Lösungen zu integrieren. Das spart Schulung und schont die Finanzen.“
Intensive Beratung der Betriebe wurde daher von allen Seiten als zentrale Maßnahme beim Vorantreiben der Technologie erkannt. „Jeder Kunde muss ganz individuell beraten werden.“, unterstrich etwa Christoph Lösch Geschäftsführer des UC-Spezialisten ESTOS. „Es gibt kein UC-Konzept von der Stange, sondern nur eine jeweils eigenständige Strategie, die dem speziellen Leidensdruck des Unternehmens gerecht wird.“ Carolin Müller von Microsoft ergänzte: „Die Beratung muss vor allem auf eine praxis- und nutzenorientierte Wissensvermittlung aufbauen. Erst durch Branchen-typische Praxisbeispiele, beispielsweise vermittelt in Workshops, lässt sich der individuelle Nutzen hautnah demonstrieren. Rein technische oder kalkulatorische Argumente reichen nicht aus, um den tatsächlichen Vorteil einzusehen. Und es muss vermittelt werden, dass es nicht darum geht, eine technische Modespielerei zu erwerben, sondern dass UC in vielen Fällen einen tatsächlichen Bedarf erfüllt.“
Sascha Christ, Vertriebsleiter bei MAN Truck & Bus Deutschland, sieht hierbei einen Vorteil für größere Mittelständler: „Da gibt es wie bei uns eine eigene IT-Abteilung, die eine interne Bedarfsanalyse durchführen und dann mit dem UC-Anbieter eine Strategie erarbeiten kann. Die informatorischen Voraussetzungen können so schon im Betrieb geschaffen werden.“ Gastgeber Andres Santiago, Geschäftsführer des vmm Wirtschaftsverlags mit seinen rund 35 Mitarbeitern, wies auf seine nicht immer positiven Erfahrungen in Sachen Beratung hin: „Auch wir führen unsere Bedarfsanalysen intern durch, zusammen mit einem externen IT-Experten. Die Grundlagen legen wir also selber. Aber wenn es um die Beratung bezüglich einer konkreten Lösung geht, sind wir gerade im TK-Bereich gebrannte Kinder. Wir haben Kontakt zu Anbietern, wenn wir dann aber Beratung anfragen, stoßen wir auf Desinteresse. Große TK-Anbieter haben offenbar keine Veranlassung, sich mit kleineren Kunden aus dem Mittelstand zu befassen. Da ist das Geschäft wohl nicht so opulent wie gewünscht.“
Alle Teilnehmer waren sich einig, dass UC künftig eine Standardtechnologie sein wird, die so selbstverständlich eingesetzt wird wie heute Handys und Notebooks. Daher sei die Einführung entsprechender UC-Lösungen für einige Branchen bereits ein Wettbewerbsfaktor. Als Fazit lobten alle Teilnehmer einstimmig den Nutzen des Informationsaustauschs. Die Mittelständler äußerten sich zufrieden mit dem erworbenen Wissen aus erster Hand, während die UC-Anbieter nach eigenem Bekunden vom Einblick in die individuellen Bedürfnisse kleinerer Unternehmen profitierten.