5. B4B Roundtable: Auf der Suche nach Lösungen
Wie Unternehmen wieder Kredite bekommen
Die Wirtschaftskrise ist allem Anschein nach ausgestanden. Die Kreditversorgung der Unternehmen stockt dagegen immer noch.
Auf dem fünften B4B MITTELSTAND-Roundtable zum Thema „Unternehmensfinanzierung“ suchten Banken und Mittelständler nach Lösungen. Transparenz und privates Kapital sind die Zauberwörter, die Unternehmen die Türen zu neuen Krediten öffnen sollen. Beide Ideen sind nicht unbedingt neu. Doch es lohnt sich, immer wieder neu darüber nachzudenken. Das befanden auch die Teilnehmer am fünften B4B MITTELSTANDRoundtable. Fünf Bankenvertreter, sechs mittelständische Unternehmer und der Vorstand der Creditreform Rating AG diskutierten einen Nachmittag lang die Folgen der Krise.
Vor allem die Banken wünschen sich von den Firmeninhabern mehr Offenheit bei den Geschäftszahlen. „Viele Unternehmen sind nicht kreditwürdig, weil sie die Bilanzen nicht rechtzeitig oder transparent genug erstellen“, beobachtete Rolf Hess, der als Unternehmer, Berater und Investor Einblick in viele mittelständische Firmen hat. Dass nicht alle Unternehmer bereit sind, ihre Zahlen bei der Bank vorzulegen, weiß auch Stefan Breuer, Bereichsleiter Vertrieb bei der KfWBankengruppe. Oft aus Sorge, die Bank, konkurrierende Unternehmen, Lieferanten oder Kunden könnten daraus für ihr Unternehmen nachteilige Schlüsse ziehen.
Stolperstein Schubladendenken
Diese Verschlossenheit bringt die Unternehmen um die dringend benötigten Kredite. Da es an internen Informationen mangelt, stecken die Banken ihre Kunden häufig ungeprüft in Branchenschubladen. Wer beispielsweise der Krisenbranche Automobilzulieferer zugeordnet ist, hat schlechte Karten. „Firmenkundenbetreuer verstecken sich oft hinter Branchenratings, um keine Verantwortung für eine unternehmerische Entscheidung übernehmen zu müssen“, bemängelte Peter Lachenmeir, Geschäftsführer der Grünbeck Wasseraufbereitung GmbH in Höchstädt.
Dem pflichtete Robin Bartels, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank München, bei. Die Banken müssten im Gespräch mit dem Unternehmer darlegen, warum sie einzelne Branchen kritisch sehen. „Man muss dem Mittelständler die Möglichkeit geben, gegen diese Sichtweisen anzuargumentieren“, sagte Bartels. Gösta Jamin, Bereichsleiter Geschäftskunden und Freie Berufe der HypoVereinsbank, räumte ein, dass die Bankberater mehr Fragen stellen müssten, um die Geschäftslage jenseits der Zahlen besser zu verstehen. Dabei müssten die Banken stärker gewichten, wie das Management des Kunden mit der Krise umgegangen sei, sagte Martin Büber-Monath, Leiter Corporate Finance beim Immobilienhändler Patrizia Immobilien AG in Augsburg. Lange Zeit hätten sich die Banker im Rahmen des Verbriefungsgeschäftes nur die Cash-Flows auf dem Papier angeschaut, ohne die zugrundeliegenden Assets detailliert zu durchleuchten.
Im Gegenzug forderten die Unternehmer aber auch Transparenz von den Banken. „Ich will als Mittelständler meinen internen Ratingbericht der Bank sehen und besprechen“, verlangte Büber-Monath. Meist ohne Erfolg. Nur eine Bank sei bereit, ihm diese Transparenz zu gewähren. Hier wurden die Bankenvertreter schmallippig. Auch auf Nachfrage im Anschluss der Runde, wollte sich keine Bank dazu verpflichten, die internen Berichte in Zukunft ihren Kunden offenzulegen. Für Büber-Monath unverständlich: „Transparenz darf keine Einbahnstraße sein“, machte er unmissverständlich klar.
Carlo Wenig, geschäftsführender Gesellschafter der Borscheid + Wenig GmbH in Diedorf, prangerte ein weiteres Manko der Banken an. Die Institute würden immer mehr Liquiditätskennzahlen und Investitionsvorschauen einfordern. „Dafür verlange ich, dass sich der Firmenkundenbetreuer mit unserem Geschäft auseinandersetzt“. Um das zu fördern, geht Wenig mit seinen Bankbetreuern regelmäßig in die Fertigung seines Kunststoff verarbeitenden Unternehmens.
Lachenmeir sieht hier einen klaren Vorteil bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken, da die Betreuer länger am Kunden bleiben würden. Der häufige Beraterwechsel sei ein Fehler, räumten die Vertreter der privaten Banken unumwunden ein. „Die Banken müssen langfristig die Kundenbeziehung sicherstellen. Das bedingt eine längere Verweildauer der Betreuer“, sagte Jamin. Die Einsicht der Banken fasste schließlich Michael Köhn, Leiter Vertrieb Süd bei der Postbank Firmenkunden AG, zusammen: „Die Bankenseite sollte mehr Fragen stellen und tiefer in die Unternehmen reinschauen und die Firmen nicht nur in eine Sparte stellen“.
Kardinalfrage Eigenkapital
Deutlich wurde auch, dass die Krise noch nicht ausgestanden ist. Michael Munsch, Vorstand der Creditreform Rating AG, schätzt, dass die Insolvenzahlen in diesem Jahr auf bis zu 40.000 Fälle steigen könnten. Das würde einer Zunahme von gut zehn Prozent entsprechen. Mehr Pleiten bedeuten für die Banken aber mehr Ausfälle und damit eine weitere Einschränkung der Kreditvergabe. „Gerade für größere mittelständische Unternehmen wird die Finanzierung durch Banken anspruchsvoller“, warnte Munsch. Auch die Anforderungen der Politik an eine bessere Eigenkapitalausstattung der Banken könnte die Situation „dramatisch verändern“, glaubt Hess. Das habe direkte Auswirkungen auf die Finanzierung. „Kredite für den Mittelstand könnten teurer werden“, stimmte Bartels die Unternehmer auf eine unangenehme Wahrheit ein. Selbst für gut geführte Firmen dürfte es schwieriger werden, Kredite zu bekommen. Denn das Eigenkapital, das die Unternehmen vor der Krise mühsam aufgebaut hätten, ist bei vielen Firmen aufgebraucht. „60 Prozent des deutschen Mittelstandes hat eine Eigenkapitalquote von unter 30 Prozent“, sagte Hess. Das sei zu wenig.
Neue Wege, neues Denken
Einen Ausweg sieht Cay-Norbert Polley, Geschäftsführer der Münchner Unternehmensberatung ncc Management Consultants GmbH, nur darin, dass die Finanzierung unabhängiger von den Banken wird. Alternative Finanzierungen wie der Rückgriff auf Kapital aus der näheren Umgebung des Unternehmens (sogenanntes Family & Friends- Kapital) werden seiner Ansicht nach künftig deutlich mehr Bedeutung bekommen. Dass alternative Finanzierungselemente wie Schuldscheine, Mezzanine-Finanzierungen, Genussrechte und privates Beteiligungskapital für die Firmen immer wichtiger werden, darin waren sich alle einig. „Der Markt für Unternehmensfinanzierung wird sich zunehmend flexibilisieren“, betonte Creditreformer Munsch. Hess, der sich als Finanzierer selber an Unternehmen beteiligt, ist zudem überzeugt: „Private Equity wird für den Mittelstand ein Thema“. Ob der Mittelstand dazu schon bereit ist, ist eine andere Frage. Viele Unternehmer müssen wohl erst noch lernen, dass externe Kapitalgeber Mitspracherechte haben und unangenehme Fragen stellen. „Dieser Kulturwandel muss stattfinden“, unterstrich Munsch. Auch KfW-Mann Breuer wünscht sich, dass die bei Unternehmern noch häufig festzustellende „Herr-im-Haus-Mentalität“ einer sachlichen betriebswirtschaftlichen Sicht weicht.
Keine Angst vor Alternativen
Einfach wird das nicht. „Für viele Mittelständler ist es unvorstellbar, Anteile außerhalb der Familie abzugeben“, weiß HVBBanker Jamin. Dem widersprach Wenig, der sein Unternehmen in zweiter Generation führt: „Wir können und dürfen uns alternativen Finanzierungen nicht verschließen“. Generell sei jedoch viel Aufklärungsarbeit im Gespräch mit dem Kunden nötig, sagte Robert Stieglbauer-von Tucher, stellvertretender Abteilungsleiter der Unternehmenskundenabteilung bei der Stadtsparkasse Augsburg. „Es gibt ja auch Möglichkeiten das Eigenkapital zu stärken, mit denen keine Einschränkungen bei unternehmerischen Entscheidungen verbunden sind. Postbank-Vertreter Köhn sieht eine weitere Lösung für Kredit suchende Unternehmen darin, dass sich die Banken mit dem Unternehmer an einen Tisch setzen. „Eine Lösung ist die Syndizierung, bei der mehrere Banken die Kredite gemeinsam übernehmen“. Dabei wurde deutlich, dass das Hausbankprinzip wohl endgültig ausgedient hat. Auch wenn vor allem die Sparkassen nach wie vor auf diesem Prinzip beharren. „Ganz entscheidend ist die Transparenz“, betonte Stieglbauer- von Tucher. Das gehe am besten, wenn das Unternehmen im engen Dialog mit seiner Hausbank, also dem Institut, das kontinuierlich in der Geschäftsbeziehung engagiert ist, zusammenarbeite. Dem widersprach Munsch umgehend. „Aus Ratinggesichtspunkten ist die Abhängigkeit von einer Hausbank negativ zu sehen“. „Heute kann sich niemand mehr nur auf seine Hausbank verlassen“, sagte Polley.
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